Schwarze Kunst unter Druck

25. Februar 2014 | Von | Kategorie: Fundstücke, Geschichtliches

Anmerkung: Der Artikel stammt aus dem Jahre 1998 (noch D-Mark-Zeiten):

 

Die Drucktechnik wandelt sich radikal. Eine Branche mit jahrhundertelanger Tradition steckt in der Existenzkrise: Texte, Grafiken und Bilder fließen zunehmend als digitale Daten vom Computer direkt in die Rotationsmaschine. Auch für Verlage ändert sich die Landschaft. Und am Horizont dämmert bereits das „elektronische Buch“ herauf.

 

Der neue Buch-Renner erreicht den Verlag im Standardbrief, keine 20 Gramm schwer. Geschrieben wurde er auf einem Computer, mit einem Textverarbeitungs-Programm für wenige hundert Mark. Die Diskette enthält alle Formatanweisungen, sämtliche Überschriften, den Zeilenumbruch – kurz: das komplette Seitenlayout. Auch ein vom Rechner automatisch erstellter Sachwort-Index gehört dazu.

 

Sogenannte Druckformat-Vorlagen für den heimischen Personal Computer machen praktisch jedem möglich, was bislang eine jahrelange Ausbildung erforderte. In die virtuellen Layout-Formen können selbst blutige Computerlaien ihre Texte einfach hineintippen. Sofort paßt die Maschine die Buchseiten an die zuvor programmierten Formatanweisungen an. Immer häufiger wandern deshalb voluminöse Fachbücher von freiberuflich arbeitenden Autoren, Übersetzern und Lektoren per Diskette oder E-mail direkt in die Druckmaschinen der Verlage und Druckereien.

 

Vor allem Werbeagenturen und Werbeabteilungen großer Unternehmen haben die Vorteile des „Inhouse-Publishing“ bereits schätzen gelernt. Sie produzieren Broschüren, Handbücher oder PR-Materialien mittlerweile in Auflagen bis zu einigen tausend Stück kostengünstig und autark im eigenen Haus – und vor allem: innerhalb von Minuten aktualisierbar.

 

Längst beschränken sich die Firmen dabei nicht mehr auf Schwarz-Weiß-Druckwerke. Dank moderner Kopiertechnik und preiswerter Offsetsysteme sind selbst hochwertige Vierfarbdrucke ohne Expertenhilfe machbar.

 

Doch auch in der Druckindustrie wandeln sich die Strukturen tiefgreifend. Digitale Daten aus dem Rechner des Kunden ersetzen immer größere Teile dessen, was bislang „Druckvorstufe“ hieß. „Computer-to-plate“, „Computer-to-press“ und „Computer-to-paper“ sind die neuen Schlagworte der Branche.

 

„In Zukunft werden Manuskripte vom Verlag je nach Marktbedarf digital an die Druckereien versandt und dort produziert. Teure Zentrallager wird es dann nicht mehr geben“, bekundete Peter Mayer, Präsident des US-Sachbuchverlags The Overlook, im März 1997 auf einem Fachkongreß über Buchherstellung in Stuttgart. Und er prophezeite ein „radikales Zusammenwachsen von Verlagen, Druckereien, Vertrieb und Handel“. Vorläufiger Endpunkt ist der „digitale Druck“: Kostspielige und zeitraubende Zwischenschritte wie die Herstellung einer Druckform existieren nicht mehr. Bilder, Grafiken und Texte fließen als Bits und Bytes von der Festplatte direkt in die Rotationsmaschine.

 

Besonderer Clou dabei: Mit jeder Umdrehung des Druckzylinders können selbst aufwendig gestaltete Vierfarbbroschüren nach Belieben verändert werden. Eine auf die speziellen Vorlieben und Interessen jedes Lesers maßgeschneiderte Ausgabe von bild der wissenschaft ist – zumindest herstellungstechnisch – schon bald keine Utopie mehr.

 

Ingenieure der Leverkusener Agfa-Gevaert AG setzen dabei auf die moderne Version eines technischen Oldies. Beim eigens für die Entwicklung digitaler Drucktechnologie gegründeten Tochterunternehmen Xeikon im belgischen Mortsel verfeinerten die Filmspezialisten vom Rhein unter der Bezeichnung „Direct Color Print“ (DCP) die Xerographie: ein elektrofotografisches Verfahren, mit dem Millionen von Kopiergeräten und Laserprintern in aller Welt bunte Bilder erzeugen.

 

Das Grundprinzip: Auf einen elektrisch geladenen und lichtempfindlich beschichteten Zylinder werden Bilder oder Texte Punkt für Punkt mit einem Laserstrahl übertragen. Die Energie des Lichtes läßt die Oberfläche leitfähig werden, die Ladung kann an den belichteten Stellen problemlos abfließen. Elektrisch negativ aufgeladenes Tonerpulver haftet danach nur noch an jenen Stellen, die der Laserstrahl ausgespart hat.

 

Über eine Zwischenrolle läßt sich der Toner auf Papier übertragen und dort thermisch aufschmelzen. Das Xeikon-System bringt es auf 1050 beidseitig vierfarbig bedruckte DIN-A3-Bogen je Stunde. An Offsetqualität reicht das Ergebnis allerdings kaum heran. Anders beim System der Firma Indigo aus dem israelischen Rehovot. Höchste Qualität für rund 2000 DIN-A4-Seiten pro Stunde, und das on-line, verspricht „E-Print 1000“. Der Trick der Israelis: Statt eines Toners wird eine elektrostatisch aufgeladene Spezialfarbe verwendet. Die ist zwar viel teurer als der DCP-Toner, qualitativ aber über jede Kritik erhaben.

 

In Sachen Technik machten die Indigo-Spezialisten Anleihen beim Offsetdruck: Eine wiederverwendbare Folie wird mit Laserdioden beschrieben und mit der jeweiligen Farbe benetzt. Ein Gummizylinder überträgt die Farbe auf das Papier. Weil der Zylinder nach dem Farbtransfer völlig sauber ist, kann in jedem Durchgang eine neue Seite entstehen.

 

Bereits 1991 stellte die Heidelberger Druckmaschinen AG mit „GTO-DI“ ihre Version des Online-Printing vor. Strenggenommen ist das System ein Zwitter zwischen konventioneller Offset-Technik und digitalem Druckverfahren: Beim „Direct Imaging“ (DI) verlegten die Ingenieure die Belichtung einer hitzeempfindlichen Druckplatte in eine Offset-Anlage. Ein Wechsel des Motivs ist während des laufenden Drucks nicht möglich. Die MAN Roland Druckmaschinen AG schließlich benutzt einen rechnergesteuerten Laserstrahl, um Texte und Bebilderung auf den zunächst unbeschichteten Rotations-Zylinder aufzutragen. Unmittelbar nach dem Druck wird die Folie vollständig von der Zylinderoberfläche entfernt, der Vorgang kann von neuem beginnen.

 

Als die US-Softwareschmiede Aldus mit „Pagemaker“ vor zwölf Jahren das erste Programm für „Desk Top Publishing“ (DTP) in den Markt einführte, war der Trend zu all diesen Entwicklungen vorgezeichnet. „Vom Computer direkt auf das Papier“ lautet seitdem die Devise. Materielle Druckplatten und massive Rotations-Zylinder werden sich als museale Schaustücke zu den Bleilettern früherer Setzereien gesellen.

 

Farbige Handbücher, Werbebroschüren und personalisierte Drucksachen entstehen künftig in den virtuellen Welten der Computernetze. Grafiker, Werbetexter, Redakteure und freie Mitarbeiter sind in der Lage, über beliebige Distanzen miteinander zu kooperieren. „Elektronisches Telepublishing“, davon ist Kurt Sandkuhl vom Fraunhofer-Institut für Software und Systemtechnik (ISST) in Berlin überzeugt, „eröffnet neue globale Märkte.“

 

Immer mehr Printmedien bekommen elektronische Geschwister. Im Zeitalter von Internet und Neuen Medien stehe die Druckindustrie vor einem historischen Wandel, hat auch der Präsident des Bundesverbandes Druck, Hans-Otto Reppekus, erkannt: Anstelle klassischer Printprodukte werde künftig das Sammeln, Katalogisieren und Aufbereiten von Informationen treten.

 

Die Drucker, die traditionsreichen Adepten der Schwarzen Kunst, wandeln sich im Verlauf dieser Umschichtung zu Informations-Brokern und Medien-Dienstleistern. Nur: Viele wissen das anscheinend noch nicht.

 

Die Basler Prognos AG sieht das europaweite Marktvolumen für Multimedia-Anwendungen von heute knapp unter einer Milliarde Mark bis zum Jahre 2010 auf 34 Milliarden Mark explodieren. Doch weniger als 20 Prozent aller Führungskräfte in deutschen Druckereibetrieben planen bis zur Jahrtausendwende den Einstieg in multimediale Dienstleistungen.

 

Schlimmer noch: Nahezu in der Hälfte aller Druckereien hierzulande sieht man keinen Grund für eine Umorientierung. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des Bochumer Instituts für Angewandte Innovationsforschung (IAI) im Auftrag des Bundesforschungsministeriums.

 

Das Lieblingsszenario der Branche sähe demgemäß so aus: Die ehemals fünf Produktionsstufen Setzerei, Reproduktion, Druckformherstellung, Druckerei und Weiterverarbeitung (Kleben, Heften, Binden und so weiter) verschmelzen zu nur noch zwei Produktionseinheiten: der Druckvorstufe und dem Druck. Traditionelles Printprodukt statt Neuorientierung, so der Tenor.

 

Die Realität dürfte anders aussehen. Im Jahr 2000, so prognostiziert der amerikanische Druckverband, werden nur noch 50 Prozent der Geschäftstätigkeiten des Jahres 1995 zum Umsatz der Branche beitragen.

 

„Längst beginnen die Grenzen zwischen Software-Herstellern, Hardware-, Druck- und Verlags-Anbietern, grafischen Betrieben sowie Telekommunikations-Unternehmen zu verschwimmen“, weiß Franz Miller, Medienexperte und Öffentlichkeitsarbeiter der Fraunhofer-Gesellschaft (FhG).

 

Angesichts des rasanten technischen Fortschritts der Branche mag manchen Romanfreund oder Krimi-Anhänger ein flaues Gefühl beschleichen. Wenn das Fertigen von professionell aussehenden Druckerzeugnissen so einfach wird, wenn jeder für ein paar Mark in einem Kellerraum sein eigenes Verlagshaus einrichten kann – ist da das Kulturgut Druckerzeugnis, ja die gesamte Verlagsbranche zum qualitativen Niedergang verdammt?

 

„Alles halb so schlimm“, glaubt Roger Münch vom Institut für Buchwesen der Universität Mainz. Auch wenn das Druckgewerbe vor einem gewaltigen Umbruch stehe, sei keineswegs das Ende des klassischen Verlagswesens gekommen. Vor dem „Aus“ stünden nur einzelne Buch-Typen. In einigen Jahren werde es weder für 20bändige Bibliographien noch für Kursbücher der Bahn oder voluminöse Verzeichnisse von Telefonnummern noch einen Markt geben. Die CD-ROM sei einfach praktischer.

 

Ganz anders ist die Situation in der Belletristik, urteilt Münch und stellt die Frage: „Wer will schon den ,Zauberberg` von Thomas Mann am Rechner-Bildschirm lesen oder anstelle eines Taschenbuchs einen Notebook-Computer mit an den Strand nehmen?“

 

Vielleicht wollen das amerikanische Forscher vom Massachusetts Institut of Technology (MIT). Denn Physiker und Ingenieure dieser renommierten US-Universität basteln derzeit an einem Zwitter aus E-Mail und Taschenbuch.

 

Statt einer vielbändigen Bibliothek, so ihr Grundgedanke, genügt ein einziges elektronisches Buch. Eingebettet zwischen papierähnlichen, flexiblen Seiten sollen Abertausende winziger, elektrisch steuerbarer Partikel immer neue Buchstaben und Grafiken aufs Pseudo-Papier zaubern. Aus dem Internet oder aus Speicherbausteinen lädt der Computer Texte und Abbildungen in die Seiten. Ein im Buchrücken verborgener Mikroprozessor steuert den komplexen Aufbau des Schriftbildes.

 

„Die Möglichkeiten sind immens“, begeistert sich MIT-Forscher Joseph M. Jacobson: Eine Mini-CD könnte bis zu 200 Bücher enthalten. Nachrichten oder der aktuelle Wetterbericht ließen sich per Internet-Datenfunk direkt in die Seiten einblenden.

 

Trotz derlei Zukunftsmusik sieht Wolfgang Weber vom Institut für Europäische Kulturgeschichte der Universität Augsburg das Druckprodukt Buch nicht auf der Roten Liste. Eines allerdings hat der bayrische Hochschullehrer schon beobachtet: die „Schrumpfung der Buchlesepraxis und der Buchlesefähigkeit“. Und er prophezeit: „Insgesamt werden wir zu einer Gesellschaft illiterater, nur noch visuell anzusprechender Massen und dünner literater Eliten zurückkehren.“

 

Eine dünne Schicht, die liest und schreibt … Massen, die ihr Wissen über die Welt nur aus Bildern beziehen … Hatten wir das nicht schon mal? Richtig: im Mittelalter.

 

Technik verändert eine Traditionsbranche

 

Konventionelle Drucktechnik

 

Am Anfang steht das Redigieren eines Papier-Manuskripts – bei Fotos und Grafiken die Retusche. Nach der Satzherstellung müssen Reproduktionen von Zeichnungen, Grafiken oder Fotos in den Text eingebaut und das Seiten-Layout festgelegt werden. Eine fototechnisch erzeugte Filmmaske dient zum Fertigen der Druckform. Erst dann schließt sich der eigentliche Druckvorgang an.

 

Computer-to-plate

 

Sämtliche Arbeiten bis zur Erzeugung der Filmmaske laufen in einem Computer ab. Das Seitenlayout entsteht auf elektronischem Wege, wobei der Rechner die Herstellung der Druckform steuert. Die Bebilderung der Druckplatten findet getrennt in einer speziellen Belichtungseinheit statt.

 

Computer-to-press

 

Der Begriff wird von der Heidelberger Druckmaschinen AG für ihr GTO-DI- System verwendet. Dabei werden auf einem Zylinder aufgespannte Platten direkt in der Druckmaschine belichtet. Streng genommen handelt es sich dabei um ein „Computer-to-plate-Verfahren“, bei dem die Belichtungseinheit in die Druckmaschine verlagert wurde.

 

Computer-to-paper

 

Der ursprünglich von der Firma Agfa Gevaert geprägte Begriff besagt, daß digitalisierte Daten aus einem Computer-System ohne jede materielle Zwischenstufe auf Papier übertragen werden. Die Software ermöglicht bei dieser Technik den Zusammenbau fertiger Seiten aus Texten, Bildern und Grafiken am Monitor. Daten fließen von der Festplatte des Rechners direkt zur Druckmaschine.

 

Mehr Druck im trauten Heim

 

Als Johannes Gutenberg Mitte des 15. Jahrhunderts seine revolutionäre Idee vom Buchdruck mit beweglichen metallenen Lettern in die Tat umsetzte, wäre er schon froh gewesen, einige Dutzend Schriftsätze sein eigen zu nennen.

 

Heute kann jeder PC-Besitzer, der beispielsweise mit Microsoft Word über eines der gängigen Textverarbeitungsprogramme verfügt, auf einige Dutzend Alphabete zurückgreifen, Exotisches von „Avalon“ bis „Zürich Calligraphic“ inklusive. CD-ROM-Anbieter eröffnen für knapp über 1000 Mark den Zugriff auf mehrere tausend Schriftarten. Gesellt sich zum Heimcomputer noch ein Druckgerät, so ist das heimische Print-Studio komplett.

 

Erschwinglich ist das Ganze obendrein – natürlich graduell abhängig davon, welche Art von Druckwerk hergestellt werden soll. Zwei Beispiele: l Für die Produktion einer DIN-A4- Broschüre in einer Auflage unter 100 Stück, ohne Fotos und in Schwarz-Weiß, reicht ein Computer von der Stange (Kosten: rund 2000 Mark) mit Tintenstrahldrucker (200 bis 300 Mark) sowie ein einfaches Textverarbeitungsprogramm (ab etwa 400 Mark, falls nicht im Computerpreis inbegriffen). l Zur Herstellung einer Vierfarb- Broschüre in einer Auflage von 1000 bis 5000 Stück, mit Fotos und ansprechendem Layout, muß man etwas tiefer in die Tasche greifen. Nötig sind dazu ein leistungsstarker Rechner (ab 3000 Mark, Pentium-Prozessor, 32-Megabyte-RAM), ein hochwertiger und schneller Farb-Laserdrucker (ab 10000 Mark), ein Textverarbeitungsprogramm (rund 600 Mark), ein Desktop-Publishing-Programm (beispielsweise Pagemaker von Aldus, neueste Version in Deutsch 1600 Mark) und ein hochauflösender Farbscanner (rund 2000 Mark).

 

Quelle: http://www.wissenschaft.de/archiv/-/journal_content/56/12054/1624900

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